22.06.2004:

... könnten Sie nicht mal was Schnelleres spielen? Oder auch: der schönste Job der Welt!
(Text: Nina Henkels, Foto: Yro) Soso. 10jährige wollen also inzwischen nicht mehr Feuerwehrmann werden, oder Pilot, sondern Disc-Jockey - nachzulesen in seriösen Magazinen wie die Schülerzeitung Tintenklecks und in jedem Steckbriefbuch. Plattenauflegen soll demnach erstrebenswerter sein als Menschenleben zu retten und Leute zum Tanzen zu animieren steht vor dem Wunsch sie sicher von A nach B zu fliegen? Komisch das. Würde ich jetzt meinem Enthusiasmus freien Lauf lassen, dann würde ich mit leuchtenden Augen behaupten, dass ein DJ ja sehr wohl auch Menschenleben rettet und woanders hin fliegt er sie im übertragenen Sinne ja auch. Aber wir wollen ja auch nicht übertreiben, es reicht ja, wenn ich später behaupte, dass Auflegen eine Art von Therapie sein kann.
Motivationen, DJ zu werden gibt es verschiedene und die, ein gut verdienender Popstar zu werden, lassen wir mal außen vor, auch wenn diese für die o.g. Zielgruppe und so manch anderen sicher sehr bedeutsam ist. Warum sonst? Weil es unglaublich Spaß macht, anderen Menschen seinen Musikgeschmack aufzudrängen, weil man schon immer wollte, dass Freunde und Freundinnen nachvollziehen konnten, was an einem Song so besonders war. Also fängt man an, Mixtapes zusammenzustellen für seine Liebsten und wenn das nicht mehr reicht, braucht man einen weiteren Kick. Und … natürlich ist es unvergleichbar super, wenn fremde Menschen zu den Platten tanzen, die man selber mag und ausgewählt, im Idealfall sogar fein ineinander gemischt hat!
Ja, es ist ein Gefühl von Euphorie, und auch er schleicht sich immer wieder an, der Adrenalinschub und seine Schwester, die Panikattacke, wenn man auf einmal wieder so aufgeregt ist wie ganz am Anfang vor 9 Jahren im Rockocko, weil man die richtige Platte nicht schnell genug findet, oder aus Versehen die Falsche runter nimmt, weil immer noch keiner tanzt, weil jemand da ist, den man sehr spannend findet, weil der Übergang danebenzugehen scheint … da zittern die Hände so sehr, dass die Nervositätskippe aus der Hand fällt. Dann kommt irgendwann wieder Ruhe, dann der Übermut, jetzt ist es an der Zeit zwischen zwei Platten den ausgewählten, spannenden Supermann das erste Mal heftig zu küssen oder aber den einen Tequila zuviel ebenso heftig wieder auszukotzen. Hier, lieber Leser, hat der magische Moment natürlich seinen Höhepunkt erreicht.
Natürlich kommt es vor, dass das eigene Leben grad alles andere ist als eine ausgelassene Party, vielleicht wurde einem grad fies das Herz rausgerissen und drauf rumgetrampelt, ein Streit, ein Missverständnis oder Sorgen um jemanden spinnen im Kopf rum, eine Erkältung oder eine Zahnwurzelentzündung spielen Spaßbremse, kurz: die Laune ist im Keller, die Lust auf andere Menschen hält sich in Grenzen, insbesondere die auf fröhliche und betrunkene, die dich mit präzisen Wünschen á la „was fetzigeres“ respektive „was zum tanzen“ penetrieren. Dann aber schleicht es sich ein, das schlechte Gewissen, beschimpft dich als undankbar und erinnert dich daran, dass du verdammt noch mal froh sein solltest, genau das tun zu dürfen. Und du schämst dich kurz, fügst dich und schlurfst leise fluchend durch den Nieselregen in den Club. Dort ist es noch kalt und leer, na prima, also fängst du an, tieftraurige Herz- und Weltschmerzsongs aneinanderzureihen, bis sich die Jungs und Mädels am Tresen die Ohren zuhalten. Bei Nancy Holloways „Hurts So Bad“, Aretha Franklins „One Step Ahead“ oder Truth Enolas „All Alone“ mag es noch erträglich sein, aber angelangt bei Alice In Chains „Down In A Hole“, Portisheads „Glory Box“ und „The End“ von den Doors wirst du schließlich freundlich, aber bestimmt von Thommy abgelöst und Bierholen geschickt. Je voller der Laden wird, desto mehr löst sich der Knoten, irgendwann lässt einen die bereits beschriebene Euphorie tatsächlich alles vergessen, eine Teufelsaustreibung hat stattgefunden, sozusagen (äh, übertreibe ich etwa wieder?).
Und um kurz nach 5, wenn man alle Platten zusammengepackt hat und das obligatorische „Thommy, das Beste ist: Wir kriegen auch noch Geld dafür“ losgeworden ist, geht’s in Bett, meistens ziemlich fertig und glücklich. Was soll ich noch sagen, ich liebe das.
Traumjob nennt man das wohl. Aber da ich ja nun mal enormen Respekt vor Feuer und Schiss vorm Fliegen hab, gab es ja auch nicht so viele Alternativen … |