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teil 4: free jazz und free music waren also ein höchst kontrovers gehandeltes thema, an dem sich die geister schieden und bis heute scheiden. allerdings zeichnete sich diese musik nicht nur durch seine radikalität aus, durch soundeskapaden und dadurch, dass die lehren der musik über den haufen geworfen wurden, es gab auch andere qualitäten, die die macher dieser anarchistischen form des jazz hervorbrachten. ornette coleman zum beispiel kreierte eine eigene musiksprache, die er harmolodics nannte. harmolodics ist eine eigene, äusserst geheime kompositionslehre. geheim, weil jeder musiker und komponist verpflichtet ist, das wesen der harmolodics für sich zu behalten. der zirkel derer, die diese lehre kennen und anwenden, dürfen sie nicht nach aussen tragen. wenn man musiker kennt, die coleman’s schule beherrschen, erkennt man schon, dass das, was sie spielen, anders ist, als das, was andere musiker tun, aber das geheimnis zu durchschauen, gelingt nicht. vielleicht gelingt es musikern oder komponisten, die jede erdenkliche form der harmonielehre entschlüsseln können, aber wahrscheinlich sind auch jene bereit, das, was sie entschlüsselt haben, für sich zu bewahren. ich kenne den musiker peter stephan, der in coleman’s “woodstock music school” zwei jahre studiert hat, mit dem ich diverse male zusammengearbeitet habe. natürlich ist er ein stolzer geheimnisträger.
der free jazz hat auch sehr schöne songs hervorgebracht. pharoa sanders’ “astral travelling”, peter brötzmanns “bavarian calypso” mit dem willem breuker kollektiv, insgesamt die musik des argentinischen saxofonisten gato barbieri, der in seiner heimat ein volksheld ist, sowie diverse songs des sun ra arkestra, z.b. “astro black” und “sunrise in outerspace”. diese und viele andere songs haben ecken und kanten und diverse schräge elemente, aber das zeichnet den charme und die besonderheit auch ohne frage aus. vergleichbar mit liebesliedern, in denen sowohl die schönheit und die kraft der gefühle, aber auch der unendliche schmerz beschrieben wird, den die liebe zu entfachen vermag.
und ebenso ist free jazz auch ein medium höherer philosophie. malachi flavors, der bassist des art ensemble of chicago beschrieb den geist dieser musik in etwa so: free jazz heisst nicht, die gesetze und lehren der musik zu mißachten oder zu durchbrechen. vielmehr ist das freie improvisieren der höhere geist des spiels. man wendet harmonien, noten und rhythmen im spiel an und treibt sie zur perfektion. wenn man den gipfel dessen erreicht hat, öffnet sich eine neue ebene, eine, die der musik ein höheres dasein beschert. auf dieser ebene ist die musik frei. frei und grenzenlos, wie der geist und die seele. hier entsteht ein neues wesen mit allen nur möglichen facetten dessen, was in einem steckt und noch mehr mit dem, was man auf dieser ebene neu entdecken und ausdrücken kann.
um das thema free jazz abzuschließen, kann man einfach feststellen, dass disharmonien oder blue notes dem wesen des menschen weitaus mehr entsprechen, als die klarheit und die schönheit der reinen lehre. das zeichnet jazz insgesamt aus und wurde durch free music nach allen regeln der kunst auf die spitze getrieben.
ende der sechziger war es einmal mehr miles davis, der der musik einen stempel aufdrückte. er war ein großer fan der funkster james brown und sly stone und er liebte die musik von jimi hendrix. diese vibes, sowie afrikanische percussions integrierte er in seinen sound und veröffentlichte den meilenstein “bitches brew”. dieses album war der startschuss des fusion jazz oder etwas profaner, jazz rock. von nun an war musikalisch quasi alles möglich, denn es gab nichts mehr, was an elementen nicht mehr vorstellbar war.
auch der fusion sound war vielen konventionellen jazz leuten ein frevel, denn funk und rock waren ihnen zu trivial. wobei noch mehr dahinter steckte. warum sollte man auf der bühne eine gitarre verbrennen? warum muss ein sänger sein publikum mit urlauten anschreien? und was hatten flower power, drogen und sexorgien mit jazz zu tun? an dieser ablehnung läßt sich leicht erkennen, dass jazz trotz aller “revolutionen” mittlerweile auch das establishment erreicht hat, die hochkultur und des spießertums. die musiker scherten sich selbstverständlich überhaupt nicht um die empörung des establishment, im gegenteil. 
der fusion sound war das ticket für viele musiker, denen jazz bisher zu eng und zu puristisch war. obendrein war dies der bewusste einstieg in die welt der electronics. pianisten wurden zu keyboardern, allen voran herbie hancock (s. foto oben) und chick corea. solo gitarristen wie john mc laughlin und carlos santana betraten die szene. drummer wie tony williams und jack de johnette zeichneten sich dadurch aus, das klassische beats schema zu verlassen und komplexe polyrhythmen in die musik einzuflechten. bassisten waren nicht mehr "nur" die, die den sound zusammenhielten, sie gestalteten ihn mit und wurden solisten, allen voran jaco pastorius. percussionisten wie mtume oder airto moreira trugen dazu bei, daß die musik afrikanischer und damit ursprünglicher wurde. ein wichtiger ansatz in der schwarzen musik ende der sechziger jahre.
es wurden berühmte bands gegründet, wie hancock’s “headhunters”, zawinul’s “weather report”, “return to forever” von chick corea und al di meola. natürlich die band von miles davis. die große weite welt wurde zum globalen dorf, denn jetzt wurde der jazz um die vielfältigen musikalischen elemente aus dem orient, aus südostasien, aus afrika, südamerika und vor allem aus indien bereichert. indien wurde nicht nur musikalisch ein wichtiger baustein aktueller musik, nicht nur des jazz. die meditation, die suche nach dem selbst erhielt eine große bedeutung.
der sound wurde anfangs deeper und vielschichtiger, später jedoch beliebiger. die komplexität und das suchen nach neuen, bisher nicht erzählten stories verlor mitte der siebziger jahre sein ziel aus den augen. es gab allerdings großartige alben, die in die geschichte eingegangen sind. herbie hancock’s “sextant” und “future shock”, billy cobham’s “stratus”, weather report’s “birdland”, das album “in a mountain flame” des mahavishnu orchestra, “between nothingless and eternity” von santana, mc laughlin und ravi shankar, sowie “agharta” von miles davis. diese alben haben aus verschiedenen gründen nachdrückliche spuren hinterlassen. jedes dieser alben beeinflusste die musikwelt auf unterschiedliche weise. die hancock alben waren quasi die vorboten der elektronischen musik, da er traditionelle instrumente durch keyboards ersetzte, was bis dahin undenkbar war, der megahit “rockit” war das ergebnis dieser experimente. weather report beeinflusste die generation der bedroom rocker kruder & dorfmeister, thievery corporation, ltj bukem, etc. durch komplexe, sich kaum verändernde harmonien und endlose beats, die schon damals klangen, wie ein loop. was die beats betrifft, so war cobham’s album stratus ein werkzeugkasten vieler acid jazzer und trip hopper, z.b. massive attack. chick corea brachte mit seinem piano sound eine bis dahin nicht gekannte komplexität in den jazz, auch, weil er auf klassische und orchestrale elemente zurückgriff. das mahavishnu orchestra eröffnete dem abendland die errungenschaften indischer spiritualität und miles davis komponierte keine musik mehr, sondern knüpfte in jedem neuen album an die improvisationen der vorausgegangenen sessions an, bitches brew und agharta waren erste, beeindruckende schritte in diese richtung.
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