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die geschichte des jazz

Letzter Teil: Kopfwanderungen

Nahezu jeden Tag finden in meinem Kopf Wanderungen statt. Das ist insofern toll, da ich andauernd neue Songs in mir entdecke, und ich glaube, da sind einige wunderbare Dinge stecken geblieben, von denen andere nur durch ein Grinsen, ein Pfeifen oder durch einen Kommentar meinerseits mitbekommen haben. Und fast immer haben diese Songs mit Jazz zu tun.



Ich gehöre zu den Leuten, die sich irgendwann bewusst gemacht haben, dass diese Musik eine große Kultur darstellt, die aufgrund ihrer teils traurigen, teils großartigen Geschichte mehr ist, als ein cooler Song oder eine coole Platte, mehr als coole Klamotten und coole Begriffe (jazzin’ around ist so einer, heißt im übertragenen Sinne herum irren, verrückt spielen). Es ist Afroamerikanische Musik, die aus dem Blues und der Gospel Music hervorging: die Suche nach einer eigenen Identität in einer fremden, feindlichen Welt mit Hilfe der Musik, der Songs. In den Zwanzigern und Dreißigern des letzten Jahrhunderts war es den schwarzen Amerikanern verboten, ihre Lieder zu singen und erst Recht, ihre Rhythmen zu spielen. Sie wurden geschlagen, verhaftet und teilweise umgebracht, wenn sie den Blues spielten. Der Congo Square in New Orleans war der erste Ort, an dem es den Schwarzen erlaubt war, sich über ihre Themen in der Öffentlichkeit auszutauschen, ihre Lieder zu singen, von ihrer Heimat Afrika zu erzählen, also Roots lebendig zu machen. Bis heute ist der Congo Square einer der wichtigsten Orte der Afroamerikanischen Kultur und Geschichte. Und aus diesen Treffen ist so viel Großes, Wunderbares hervorgegangen. Jazz, Funk, Zydeco, Rocksteady (Ska), Soulmusic, Rhythm & Blues und Rock & Roll. All diese Vibes und vor allem Rhythmen stecken im Hip Hop, im House, im Techno, in Drum & Bass, in quasi jeder populären Musik, die wir heute kennen. Ich begreife das als eine Herausforderung, manchmal auch als eine Verantwortung, seriös mit dieser Geschichte, diesem „Erbe“ umzugehen. Nicht brav und anständig, das waren der Blues und der Jazz eigentlich nie, bewusst, wissend, dass fast alles, was wir heute hören, seinen Ursprung hat, verwurzelt ist mit der Kultur der schwarzen Amerikaner. Was wir wie selbstverständlich, teilweise ja schon gelangweilt erleben als Musik und Stil des täglichen Lebens, geht zurück auf das Suchen der eigenen Identität der schwarzen Bevölkerung Amerikas.


Kann man diesen Respekt hören? Ich nehme den Berliner Produzenten und Musiker Henrik Schwarz als Beispiel. Schwarz macht Housemusic, meist ein wenig langsamer als die üblichen 120 Beats pro Minute. In den elektronischen Beats, Basslines (meist Funk) und Vocal Zitaten (Soul) hört man, dass er sich mit diesen Musiken beschäftigt. Er tut das subtil, es passt einfach gut zu seinem Sound. Der Sound swingt. Er swingt, weil die Elemente in seinen Songs gut aufeinander abgestimmt sind, weil sie Flow haben und weil der Funk, Soul und Jazz in den Songs ein eigenes Gewicht bekommen. Die Musik von Henrik Schwarz ist cool, sie ist deep und macht Dancemusic auch zu Hause zu einem Erlebnis. Als er engagiert wurde, die DJ Kicks Compilation 2006 zusammenzustellen, hat er nicht all seine Kollegen aus Berlin, Karlsruhe und sonst woher auf das Album gepackt. Er hat Soul, Funk, Techno, Afrobeats und Jazz aus mehr als 30 Jahren zu einem homogenen Mix verwoben, unter jeden Track einen kaum hörbaren, umso mehr spürbaren Beat programmiert und so wurde das ein lupenreiner Dancemix. Das ist für mich ein Beispiel dafür, dass man Respekt hören kann.

Es gibt auch Arschlöcher, die nur und ausschließlich im Hier und Jetzt leben und nur ihr Ding im Kopf haben, egal, woher dieses Ding stammt. Irgendwann in den frühen Neunzigern gab es eine Gruppe Berliner DJs und Veranstalter, die groß durch die Gegend tönten, dass sie, also die Berliner und Frankfurter, den Techno erfunden haben, dass dies die erste eigenständige musikalische Errungenschaft aus Deutschland nach dem Krieg sei (zweiter Weltkrieg). Als ich das gelesen habe (leider weiß ich nicht mehr wer und wo), wusste ich nicht, ob ich lachen oder schreien, ignorieren oder kopfschütteln, vielleicht sogar hinfahren und die Fresse knacken sollte. Außer dem letzten habe ich alles gleichzeitig getan. Nirgendwo war Techno so groß und erfolgreich wie in Deutschland, vor allem in Berlin und Frankfurt, nimmt man Kraftwerk als Vorreiter des Techno hinzu, auch in Düsseldorf. Erfunden haben es ein paar genialische Kids (mittlerweile gereifte Herren) in Detroit und Chicago, Carl Craig, Moodyman, Theo Parrish, etc. Diese berufen sich gerne auf Kraftwerk, geben die Elektro Popper fast immer als Einfluss für den eigenen Sound an. Und insofern ist Erfunden auch eigentlich nicht das richtige Wort. Musik hat sich immer entwickelt, fortgepflanzt, erweitert, erneuert. Techno war die bis dahin radikalste Neuerung, denn sie war eine reine Beatsmusic. Beat, Bass, Atmo, fertig. Vielleicht noch eine Stimme, mehr brauchte es nicht. Während der Funk den Song ausdünnte, alle Elemente auf die Rhythmik hinführte, dass alles zum Rhythmus wurde, so ist Techno noch einen Schritt weiter gegangen: alles raus, was nicht absolut nötig ist. Die erste weltbekannte Techno Crew, Underground Resistance, war sich der Wurzeln ihres Sounds stets bewusst. Soul und Funk, hier und da auch Disco waren Teil des Techno, sind es bis heute.

Ich für meinen Teil halte es für sehr bedenklich, einfach so zu tun, als käme etwas einfach ZACK – wie aus dem Nichts. Ist es nicht, war es nie, wird es nie sein. Es ist doch auch verdammt spannend, herauszufinden, wo die Dinge herkommen, wie sie sich entwickelt haben und wie sie sich entwickeln werden. Die Musik ist lediglich ein sehr interessantes und unendliches Beispiel für so vieles. Man kann jeden Einzelnen, jede Einzelne von uns nehmen, alles was wir tun, was wir toll finden, welche Klamotten wir tragen, womit wir uns identifitieren oder umgekehrt, welche Fehler wir machen, wovor wir uns fürchten, alles hat seinen nachvollziehbaren Ursprung. Ich mache mir so oft wie möglich den Ursprung meiner eigenen Dinge bewusst, ich entdecke immer wieder neue Sachen, Ansätze, Quellen für alles Mögliche und neben dem Leben an sich ist für mich das spannendste die Musik, der Jazz. Und durch den Jazz vor allem eine Person, Miles Davis. Miles Davis hat seine Musik immer weiterentwickelt, immer. Er hat sich geweigert, auf Konzerten Stücke zu spielen, die so klingen wie das, was gestern gespielt wurde. Jede Platte klingt anders und obendrein war Miles Davis einer, der mehrere Male an den entscheidenden Entwicklungen des Jazz mitgewirkt hat, teilweise hat er sie herbeigeführt. Miles war jemand, der Balladen liebte, aber er hat sie ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr gespielt. Balladen erzählen von Gefühlen, denen er sich widmen müsste. Dadurch würde eine andere Qualität in seiner Musik entstehen, eine,  die ihn aufgehalten hätte, weiterzugehen, weiterzuforschen, weiter zu entdecken. Er hat die Songs liegen gelassen, die er am meisten liebte, um nicht stehen zu bleiben. Erst spät hielt er inne, spielte Songs von früheren Alben und fand seinen Frieden mit dem, was war, was er erreicht und entdeckt hat. Und auch diese Musik war groß und nach vorne gerichtet, alles andere, als das Herunterspielen von Standards. Gleiches kann man auch über die Musik von Peter Brötzmann sagen. Der Wuppertaler Freemusic Pionier hat fast vierzig Jahre fast alles über Bord geworfen, das an etwas erinnert, was schon mal war. Seit einiger Zeit hört man hier und da Zitate, die an Monk, John Coltrane oder andere Musiker erinnern. Das ist ein sympathischer Zug in seiner Musik, die sehr oft sehr radikal war und ist. Plötzlich bekommt man das Gefühl, er spielt eine Melodie, die in seinem Kopf herumspukte, als wären Geister wach geworden, die er viele Jahre versteckt hat.

Für mich ist diese große, unendliche Musik eine Inspirationsquelle, die immer dann am größten ist, wenn Dinge scheinbar aus dem Nichts entstehen, wenn der Musik lediglich ein paar Skizzen auf Papier zu Grunde liegen und alles weitere im Hier und Jetzt passiert, als Austausch von Musikern, durch den Klang und die Energie ihrer Persönlichkeit. Ein Experiment, auf das man sich einlässt, bei dem man vorher nicht wirklich weiß, was am Ende herauskommen wird. Diese Kraft, die Improvisation, ist es wahrscheinlich, die mich an dieser Musik so sehr fasziniert. Es gibt so viele Melodien und Rhythmen, die ohne Worte Geschichten erzählen, die scheinbar mehr sind, als „nur“ Musik.

Zum Abschied der Hipster’s Lounge könnt Ihr ab dem 15. Dezember für Kleingeld eine Compilation im BuK erwerben, auf der Stücke sind, die mich besonders bewegt haben. Teils Originals des Jazz, teils moderne Bastarde aus der Welt der Electronics, das Intro der Compilation entspringt meinen anfangs erwähnten Kopfwanderungen.

see ya
Charles

<-- teil 7

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